
Trotz aller Rhetorik: Washington behält Oberhand bei Iran-Deal – Was bedeutet das für Russland?

Von Thomas J. Penn
Wenn Sie den offiziellen Begründungen für militärische Interventionen und Sanktionen geglaubt haben – Massenvernichtungswaffen, Demokratie oder nukleare Nichtverbreitung –, dann haben Sie ein zentrales Motiv der US-Politik übersehen. Ein wesentlicher Faktor war und ist der Erhalt der finanziellen und geopolitischen Hebelwirkung der USA, vor allem durch die Kontrolle über globale Energieströme und das internationale Finanzsystem. Was gerade mit Iran passiert, passt in dieses Muster. Der entscheidende Effekt liegt jedoch nicht nur im Nahen Osten: Das Abkommen gibt Washington zusätzlichen Spielraum, um den wirtschaftlichen Druck auf Russland zu erhöhen, ohne direkt militärisch in Europa aktiv zu werden.

Als der Krieg in der Ukraine begann, war dieses Muster bereits sichtbar. Washington baute dort ein Bollwerk auf, um Russland einzudämmen und seine Handlungsfreiheit einzuschränken. Da Russland über ein großes nukleares Arsenal verfügt, kam ein direkter militärischer Konflikt nicht infrage. Stattdessen setzte man auf Stellvertreterdruck, Sanktionen und wirtschaftliche Schwächung. Ähnliche Strategien hatte Washington bereits in Venezuela angewandt. Die Vorwände wechseln, das Ziel der Eindämmung von Herausforderern bleibt jedoch bestehen.
Das alte Muster
Im Irak wurde Saddam Hussein mit der Behauptung, das Land besitze Massenvernichtungswaffen, angegriffen. Ein begleitender Faktor war, dass er Teile seiner Ölexporte in Euro abrechnen wollte und damit das bestehende Finanzsystem herausforderte. Die Invasion diente nicht nur der Beseitigung eines Diktators, sondern auch der Wiederherstellung der Kontrolle über einen wichtigen Ölproduzenten und der Abschreckung anderer Staaten, die vom etablierten System abweichen wollten.
Venezuela folgte einem ähnlichen Muster. Die Maduro-Regierung versuchte, Alternativen zum bestehenden System zu entwickeln. Washington antwortete mit Sanktionen, bis die venezolanische Wirtschaft so weit geschwächt war, dass eine Rückkehr in die internationalen Handelsstrukturen als einzige realistische Option blieb. Es ging dabei nicht ausschließlich um Menschenrechte oder Demokratie, sondern auch um die Sicherung der Kontrolle über wichtige Energieströme.
In Syrien stand weniger Assad selbst im Zentrum als die Schwächung der Iran-Russland-Achse und die Verhinderung von Pipeline-Projekten, die außerhalb der bestehenden Kontrollstrukturen verlaufen könnten. Ziel war es, die Region so fragmentiert zu halten, dass sich keine starken alternativen Bündnisse bilden konnten.
Iran
Der jüngste Konflikt und das darauf folgende Abkommen entstanden nicht allein wegen der Anreicherungsgrade. Iran verfügt über große Ölvorkommen und hatte begonnen, engere wirtschaftliche Beziehungen zu China aufzubauen, die teilweise außerhalb der etablierten Finanzkanäle liefen. Gleichzeitig kontrolliert das Land die strategisch wichtige Straße von Hormus. Washington erhöhte den Druck durch gezielte Angriffe und eine Seeblockade. Da Iran keinen nuklearen Schutzschild wie Russland besitzt, verhandelte es aus einer schwächeren Position.
Das Ergebnis ist ein Rahmenabkommen, in dem Iran Zugeständnisse bei seinem Nuklearprogramm macht und im Gegenzug Sanktionserleichterungen für Ölexporte und damit verbundene Dienstleistungen erhält. Das iranische Öl kann nun wieder stärker in den internationalen Markt integriert werden.
Wichtig ist hier eine Klarstellung: Iran kehrt nicht zur direkten Nutzung des US-Dollars für den internationalen Handel zurück – das verbieten die weiterhin geltenden primären Sanktionen. Allerdings haben die neuen Sanktionsausnahmen (Waivers) für iranische Ölexporte und die damit verbundenen Bankdienstleistungen den Weg für Transaktionen über das internationale Bankensystem (einschließlich SWIFT) deutlich geebnet. Dadurch ist es nun möglich, iranisches Öl auch in US-Dollar abzurechnen, ohne dass ausländische Banken sekundäre US-Sanktionen riskieren.
Dieser Dollar-Pfad ist jetzt offen und stellt für viele Marktteilnehmer den Weg des geringsten Widerstands dar, weil Öl global traditionell in Dollar gehandelt wird. Er muss jedoch nicht genutzt werden – Käufer können weiterhin in Yuan, Euro oder anderen Währungen abrechnen.
Bisher kaufte China iranisches Öl weitgehend in Yuan und mit einem deutlichen Sanktionsabschlag. Durch die Öffnung für weitere Käufer und Banken wird dieser exklusive, stark rabattierte Kanal aufgebrochen. Das erhöht das globale Ölangebot und kann den Preis für China tendenziell verteuern, während es gleichzeitig den weltweiten Ölpreis nach unten drückt.
Wirkung auf Russland
Für Russland ist das Abkommen relevant. Mit mehr iranischem Öl auf dem Markt gewinnt Washington indirekt Einfluss auf das globale Angebot und die Preisentwicklung. Russlands Staatshaushalt ist stark von Energieeinnahmen abhängig. Ein anhaltend niedriger Ölpreis verstärkt den wirtschaftlichen Druck, der bereits durch Sanktionen und den Krieg in der Ukraine besteht.
Da ein direkter militärischer Konflikt mit Russland wegen dessen nuklearer Fähigkeiten zu riskant ist, setzt Washington auf indirekte Mittel: wirtschaftliche Schwächung, Begrenzung alternativer Bündnisse und nun auch den Ölpreis als zusätzliches Druckinstrument. Ziel ist nicht ein klassischer militärischer Sieg, sondern die Erhöhung der Kosten für eine Politik außerhalb des bestehenden Systems.
Fazit
Was in Iran passiert ist, folgt einem wiederkehrenden Muster: gezielter Druck auf Staaten, die versuchen, sich stärker unabhängig vom bestehenden System zu positionieren, kombiniert mit der Öffnung von Auswegen, die Washington strategisch nützen. Die Vorwände ändern sich, aber das grundlegende Ziel – die Eindämmung ernsthafter geopolitischer und wirtschaftlicher Alternativen – bleibt erkennbar.
Russland hat sich bisher besser behauptet als viele erwartet hatten. Dennoch zeigt das Iran-Abkommen, dass Washington weiterhin über wirksame indirekte Instrumente verfügt. Ob diese langfristig ausreichen, um eine multipolare Entwicklung aufzuhalten, bleibt offen.
Thomas J. Penn ist US-Amerikaner und lebt seit vielen Jahren in Deutschland. Er war Unteroffizier der Infanterie bei der US Army. Penn studierte Finanzwirtschaft und Management und verfügt über umfangreiche Erfahrungen auf den Finanzmärkten. Sie können ihn auf Twitter unter @ThomasJPenn erreichen.
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