
Deutschland: Chemiekonzern Evonik baut 3.200 Stellen ab – Investiert wird in Asien und Amerika

Der deutsche Chemiekonzern Evonik hat am Dienstag einen umfangreichen Personalabbau angekündigt. Im Rahmen des Umstrukturierungsprogramms sollen weltweit 3.200 Stellen abgebaut werden, davon rund 2.150 in Deutschland. Diese Kürzungen kommen zu den ohnehin bis Ende 2026 durch Spar- und Effizienzprogramme konzernweit wegfallenden 2.800 Stellen zusätzlich hinzu.
Wie es in einer Erklärung des Konzerns heißt, plant das Unternehmen, "die geostrategische Ausgewogenheit durch gezielte Entwicklungsprojekte zu optimieren". Die finanziellen Mittel für diese Investitionen sollen durch das Restrukturierungsprogramm "Evonik Tailor Made" freigesetzt werden, zu dem der nun angekündigte Stellenabbau gehört.

Vor dem Hintergrund der Branchenkrise wird der Spezialchemiehersteller die Umstrukturierungen unter der Leitung des Interims-Vorstandsvorsitzenden Klaus Rettig fortsetzen. "Vorstand, Aufsichtsrat und Vertreter der Belegschaft sind sich einig: Unsere Branche befindet sich in einer strukturellen und wirtschaftlichen Krise. Wir nutzen diese Mehrfachkrise, um veraltete Strukturen zu verändern und unsere Effizienz zu steigern", erklärte Rettig nach einer Strategieklausur von Vorstand und Aufsichtsrat.
Die "umfassende Transformation" von Evonik werde auf allen Ebenen fortgesetzt, heißt es weiter. Das Programm "Evonik Tailor Made" tritt im Jahr 2027 in die zweite Umsetzungsphase ein. Es knüpft nahtlos an die erste Phase (2024–2026) an und ist auf drei Jahre – bis einschließlich 2029 – ausgelegt. Für den Stellenabbau sollen neben der natürlichen Fluktuation (Verzicht auf die Besetzung frei werdender Stellen) der vorzeitige Ruhestand sowie freiwillige Kündigungen mit Abfindungszahlungen zum Einsatz kommen. Eine Kündigung aus wirtschaftlichen Gründen durch den Arbeitgeber sei weiterhin ausgeschlossen, versichert die Konzernleitung.
Außerdem will sich der Konzern von den Töchtern Oxeno und Syneqt mit rund 4.300 Beschäftigten trennen. "Wir sprechen bei Oxeno mit Investoren, im Falle Syneqts ist das noch nicht der Fall", sagte Rettig. Er erklärte, dass es in jedem Fall in beiden Fällen zum Verkauf kommen wird.
Bei Oxeno rechnet Rettig nach eigenen Angaben schon in diesem Jahr mit dem Veräußerung. Bei Syneqt mit 3.500 Beschäftigten an zwei Standorten (Marl und Wesseling) soll der Verkaufsprozess Rettig zufolge 2027 starten.
Das Polyester-Geschäft mit einem Jahresumsatz von rund 150 Millionen Euro will Evonik ganz einstellen – hier haben gestiegene Öl- und Energiepreise der Rentabilität und der internationalen Konkurrenzfähigkeit besonders hart zugesetzt. Polyester wird in der Regel aus fossilen Rohstoffen wie Erdöl und Erdgas hergestellt.
Chancen für Wachstum sieht Evonik besonders in Asien und Amerika, dort werden derzeit weitere Investitionsprojekte geprüft. Evonik brauche die Fokussierung auf profitable Geschäfte, um das eigene Wachstum zu stärken, sagte Rettig. Die Börse reagierte am Dienstagmorgen positiv auf die Nachrichten, die Aktie legte um mehr als 50 Cent pro Stück (über drei Prozent) zu.
In den letzten sechs bis sieben Jahren durchlebt Deutschland eine anhaltende Wirtschaftskrise, von der die chemische Industrie besonders betroffen ist. Verschärft wurde sie nach 2022 durch den Ausfall der russischen Gaslieferungen infolge europäischer Sanktionen und der Sprengung der Nord-Stream-Gaspipelines im September 2022. Die Chemieindustrie ist in besonderem Maße auf billige Energie und Rohstoffe wie Öl und Ölprodukte angewiesen. Für 2026 hat der Verband der Chemischen Industrie (VCI) seine Prognose bereits auf einen Rückgang um 1,5 Prozent abgesenkt. Noch zu Jahresbeginn war man von einer Stagnation ausgegangen. Der Verband spricht von der schwersten Krise der Nachkriegsgeschichte.
Die Evonik Industries AG mit Sitz in Essen ist das drittgrößte deutsche Chemieunternehmen mit Schwerpunkten in der Biotechnologie, der Kreislaufwirtschaft und der Produktion von Hochleistungsmaterialien und hatte vor Beginn des Stellenabbaus 2025 etwa 32.000 Beschäftigte – nach der Umsetzung von allem Geplanten wird die Gesamtbelegschaft auf etwa 20.000 Arbeiter und Angestellte sinken. Sie ging 2006 aus der früheren Ruhrkohle AG hervor.
Die Spezialchemiesparte geht auf den bis 1999 selbständigen Konzern Degussa zurück, dessen Nachfolger seit 2019 als Evonik Operations GmbH Teil der Evonik Industries ist. Im Zweiten Weltkrieg war die Degussa stark in die Zwangs- und Sklavenarbeit und die Vernichtung der europäischen Juden verwickelt. Das Todesgas Zyklon B, mit dem in Auschwitz und anderen Todeslagern vergast wurde, war auf die Degesch (Deutsche Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung), ein Tochterunternehmen von Degussa, patentiert und wurde in ihrem Auftrag in Dessau produziert.
Rettig (66) führt nach überraschender Erkrankung des gewählten Vorstandschefs Christian Kullmann seit August provisorisch die Geschäfte. Kullmann, der nach Worten von Rettig inzwischen eine Operation gut überstanden habe, soll nach seiner Genesung an die Konzernspitze zurückkehren.
Kullmann hatte von Beginn des antirussischen Kurses der Bundesregierung an davor gewarnt, dass ein Verzicht auf billige Energieträger und Rohstoffe aus Russland schwere Folgen für die deutsche Chemieindustrie haben wird. Ebenso kritisierte er andere Elemente der deutschen Energiepolitik wie den Verzicht auf die Kernkraft scharf. Beispielsweise hatte er in einem Interview im September 2023 darauf hingewiesen, dass Deutschland von russischem Gas profitiert habe und nun unter dem Wegfall der profitablen Handelsbeziehungen besonders leide. Er hatte damals gewarnt:
"Das führt in der Konsequenz zu den Risiko einer Deindustrialisierung, und es tut mir weh, beobachten zu müssen, dass es hierfür in Deutschland bereits starke erste Anzeichen gibt. Schlimmer noch ist, dass wir in Deutschland in den vergangenen Jahren vom günstigen russischen Gas profitiert haben. Das ist vorbei, und das beschädigt das Geschäftsmodell der deutschen Volkswirtschaft schmerzhaft."
Auch in einem FAZ-Interview vor einem Jahr schlug Kullmann erneut Alarm und ging mit der deutschen Energiepolitik hart ins Gericht, Rainer Rupp hat die Aussagen Kullmanns damals aufgegriffen. Alle Warnungen blieben ungehört – rund 12.000 bereits verlorene oder im Verschwinden begriffene Arbeitsplätze allein in seinem Unternehmen sind die Folge.
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