Europa

Der Papst und der Zorn des Diplomaten – Wie der Mordfall Dugina Kiews Doppelmoral bloßstellt

Nicht einmal Papst Franziskus ist vor Kiews Zorn sicher. Der Heilige Vater wurde zum jüngsten Ziel ukrainischer Wehklagen. Doch die ganze Welt sollte die Worte des Papstes ernsthaft beherzigen, denn sie waren sehr sorgfältig gewählt.
Der Papst und der Zorn des Diplomaten – Wie der Mordfall Dugina Kiews Doppelmoral bloßstelltQuelle: Gettyimages.ru © Mondadori Portfolio / Kontributor

Von Robert Bridge

Nachdem Papst Franziskus auf den gewaltsamen Tod Darja Duginas, einer jungen russischen Journalistin und politischen Aktivistin, zu sprechen kam, sah sich der Pontifex der Wut Kiews gegenüber, das anscheinend glaubt, es habe das Monopol auf den Begriff der Unschuld.

In den vergangenen sechs Monaten hat Kiew mehrere Staatschefs und internationale Organisationen kritisiert und angegriffen. So zum Beispiel Amnesty International, das einen Bericht über Verletzungen des Völkerrechts durch die Ukraine veröffentlicht hatte. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis auch die katholische Kirche ein Ohr voll abbekommt. Genau das geschah vergangene Woche, als Papst Franziskus vor Gläubigen im Vatikan den Tod Darja Duginas erwähnte, deren Leben von einer Autobombe auf tragische Weise beendet wurde. Doch bevor der Papst den Namen der verstorbenen Russin nannte, erinnerte er an die unschuldigen Opfer auf beiden Seiten des Konflikts:

"Egal ob Ukrainer oder Russen, ich denke an die vielen Grausamkeiten, an die vielen Unschuldigen, die für diesen Wahnsinn bezahlen müssen, den Wahnsinn beider Seiten, denn Krieg ist Wahnsinn."

"Ich denke an das arme Mädchen, das in Moskau von einer Bombe unter ihrem Autositz in die Luft gesprengt wurde. Die Unschuldigen büßen für diesen Krieg."

Das scheint mir eine faire Einschätzung über die Schrecken der Kriegsführung zu sein, an der nur wenige etwas auszusetzen haben. Während die Staatschefs letztendlich dafür verantwortlich sind, ihr Volk in den "Wahnsinn des Krieges" zu führen, sind es die "unschuldigen" Menschen von Soldaten an der Front bis zu den Zivilisten in den Städten und Dörfern, denen die Hauptlast der Folgen aufgeschultert wird.

Die dies rief Andrei Yurasch, den Botschafter der Ukraine beim Vatikan, auf den Plan, der die Worte des Papstes umgehend politisierte. Auf Twitter schrieb er, es sei unmöglich, Dugina als "unschuldig" zu bezeichnen, nachdem sie sich – zusammen mit ihrem prominenten Vater, dem politischen Philosophen Alexander Dugin – hinter Moskaus militärische Sonderoperation in der Ukraine gestellt habe. Yurasch schrieb:

Die heutige Rede des Papstes war enttäuschend und ließ mich über viele Dinge nachdenken: Man kann nicht in denselben Kategorien über den Aggressor und sein Opfer, über Vergewaltiger und Vergewaltigte sprechen. Wie ist es möglich, bei einer Ideologin des Imperialismus von einem unschuldigen Opfer zu sprechen? Sie wurde von Russland als heiliges Opfer getötet und liegt jetzt auf dem Schild des Krieges.

Es gibt mehrere Probleme mit Yuraschs eigentümlichen Art zu moralisieren. Das erste ist, dass er, ähnlich wie die westliche Welt im Allgemeinen bequem die vergangenen acht Jahre des Blutvergießens im Donbass ausblendet. Jenes Blutvergießen, welches Millionen Menschen – nicht nur "politische Ideologen" – dazu bewegt hat, Russlands Intervention in der Ostukraine zu unterstützen.

Ich bin mir nicht sicher, worüber Herr Yurasch 2014 getwittert hat, aber irgendwie bezweifle ich, dass es etwas mit den Angriffen auf russischsprachige Menschen im Donbass zu tun hatte, bei denen Tausende Menschen getötet wurden.

Zweitens ist es bezeichnend, dass der Gebrauch des Wortes "unschuldig" durch den Papst, das er in Bezug auf Darja Dugina verwendete, eine so starke Reaktion bei jemandem auslöst, der sich selbst als Diplomat bezeichnet. Darüber hinaus unterstellt Yurasch in seinem Tweet offenbar, dass es die Russen selbst waren, die Dugina getötet haben, um sie dadurch zur Märtyrerin zu machen.

Auf jeden Fall war die Antwort des Diplomaten im Grunde zu erwarten, da es, wie es im aktuellen antirussischen Narrativ heißt, keine "unschuldigen Russen" auf dem Planeten gibt. Sie sind einfach ausgestorben und haben möglicherweise überhaupt nie existiert. Einfach nur Russe zu sein bedeutet Schuld durch Assoziation, also Assoziation mit sich selbst. Man frage einfach die estnische Premierministerin Kaja Kallas, die in ihrem Bemühen, den europäischen Kontinent vor diesen heimtückischen russischen Touristen zu bewahren, ein vollständiges Verbot von Einreisevisa für Russen fordert, um dadurch "Sicherheitsbedrohungen" zu mindern.

Alles in allem kam es einem Wunder gleich, Papst Franziskus, das wichtigste religiöse Oberhaupt der westlichen Welt, nicht nur den Mord an Dugina erwähnen zu hören, sondern sogar so weit zu gehen, eine russische Bürgerin als "unschuldig" zu bezeichnen. Die ganze Welt sollte jedoch die Worte des Papstes ernsthaft beherzigen. Worte, die meines Erachtens ganz bewusst ausgesprochen wurden. Der Bischof von Rom mag seine Fehler haben, aber in den vergangenen sechs Monaten dieses "Wahnsinns" ist er eine der wenigen Stimmen der Vernunft.

Im vergangenen Juni stellte Papst Franziskus das westliche Narrativ in Frage, wonach allein Russland für die Feindseligkeiten in der Ukraine verantwortlich sei. Er tat dies, indem er auf ein Gespräch anspielte, das er mit einem "sehr weisen Mann" geführt habe, dessen Name er aber nicht nennen wollte. Diese Person habe ihm gesagt:

"Die NATO bellt vor den Toren Russlands. Sie wollen nicht verstehen, dass die Russen keine fremde Macht zulassen können, die ihnen nahekommt. Wir verstehen nicht das Drama hinter diesem Krieg. Ein Krieg, der entweder provoziert oder nicht verhindert wurde."

Welche Lehren können wir daraus ziehen? Die vielleicht zutreffendste kommt direkt aus der Heiligen Schrift, die besagt: "Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein." Diese Worte sollten viele Menschen auf beiden Seiten des Konflikts beherzigen.

Übersetzt aus dem Englischen.

Robert Bridge ist ein US-amerikanischer Schriftsteller und Journalist. Er ist Autor von "Midnight in the American Empire – Wie Konzerne und ihre politischen Diener den amerikanischen Traum zerstören". Er twittert unter @Robert_Bridge.

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